Wenn sich Kommunikation verkleidet

Ich bin keine Kunstexpertin. Wenn ich Ausstellungen besuche, dann mit Laienaugen. Und mit vielen Fragen. Kürzlich führte mich die Neugier in ein Brandenburger Schloss: In Altdöbern ist die 31. ROHKUNSTBAU zu sehen. Warum sich der Weg ohne Auftrag gelohnt hat.

Schloss Altdöbern

Wann Überschreiten Nachrichtenwert hat

Journalist*innen berichten über Exklusives, Außergewöhnliches, Prominentes oder Themen, die viele Menschen bewegen. Im Fall der ROHKUNSTBAU wären das beispielsweise die Eröffnung in einem bisherigen Lost Place, eine Vernissage, prominenter Besuch, Limitierung oder eine Personalie. Keiner der Faktoren, die gewöhnlich den Nachrichtenwert bestimmen, war der Anlass meiner Reise. Sieht man davon ab, dass die „Kunst des Überschreitens“ als Leitmotiv der diesjährigen Ausstellung durchaus provokant verstanden werden kann. Doch die damit verbundenen Fragen sind zeitlos und gerade deshalb aktueller denn je: Ist alles Neue immer besser? Wann sind Veränderungen „alter Wein in neuen Schläuchen“? Und muss ständig Neues passieren?

„Auferstanden aus Ruinen“

Der Film fasst die 30-jährige Geschichte der ROHKUNSTBAU zusammen.

Ehrlich gesagt fuhr ich nach Altdöbern in der Niederlausitz, um eine Bildungslücke zu schließen. Die Initiative kunstbegeisterter Jugendliche aus dem Spreewald gibt es schon seit 1994. Ich hatte sie bisher nicht bewusst wahrgenommen. Das kann daran liegen, dass ich in den 1990-er Jahren in Sachsen lebte und Kunst in meinem damaligen Alltag wenig Platz hatte. Und die ersten Ausstellungsorte in einer für die letzten Arbeiterfestspiele der DDR geplanten aber unvollendeten Rohbauruine in Lübben und im Schloss Großleuthen für mich damals außer meines machbaren Bewegungsradius‘ lagen. Spätere Ausstellungen in den Schlössern Sacrow, Marquardt, Roskow und Lieberose ebenso. Auch das Schloss Altdöbern ist wie alle Locations sonst nicht zugänglich. „Auferstanden aus Ruinen“ heißt ein in der Ausstellung zu sehender Film, der die Geschichte der ROHKUNSTBAU für Neuentdecker wie mich sehr gut zusammenfasst.

Raus der Blase

Blick aus dem Schloss zum See.

Wäre ich Expertin für zeitgenössische Kunst, hätte ich vermutlich Ehrfurcht vor berühmten Namen der Szene. Da ich es nicht bin, nähere ich mich unvoreingenommen und neugierig. Ich besuchte die 31. ROHKUNSTBAU, ohne vorab einen der Künstlernamen zu kennen und ich habe auch keine Bucket List, die mir diktiert, was ich in diesem Leben unbedingt noch sehen muss. Altdöbern hat eine imposante und für ihre Akustik berühmte evangelische Kirche am Marktplatz, einen wunderbaren Park, eine Orangerie mit kulinarischem Angebot und inspirierendem privaten „Garten Eden“ der Wirtin. Vom Schloss aus sieht man den ehemaligen Tagebausee, in dem man zwar nicht baden darf, den man aber je nach Kondition in einer guten Stunde zu Fuß umrunden kann.

Ready or Not

Ready or Not von Andros Voros.

Ein Kunstwerk pro Raum. Das ermöglicht Fokus. Mein erster Blick in der Ausstellung bleibt an einer Skulptur von Andros Voros hängen. „Ready or Not“ heißt sie. Bereit oder nicht. Gute Frage. Mit einem QR-Code gelange ich zu einem Audioschnipsel, das mir mehr über den 1993 geborenen tschechischen Künstler verrät. Er heißt bürgerlich Jozef Čižmár, stammt aus Hradec Králové, hat an der Akademie der bildenden Künste in Prag studiert und arbeitet in den Bereichen Skulptur, Malerei und Zeichnung. Was ich mir merke: Sein Hauptthema ist das innere Kind, das in uns weiterlebt, auch wenn wir erwachsen werden. Und er liebt es, Stereotype in Heiterkeit zu verwandeln. In der Ausstellung sind weitere Werke von ihm zu sehen. Vereinfacht gesagt sehen wir hier Kommunikation durch Verkleidung.

Mit Gipsbeinen aus einem Eichenholzfass, hängenden aufblasbaren Puppen, einem plüschigen Schädel oder einer überdimensionalen Lunchbox, die ich als solche nicht erkannt hätte, kann ich weniger anfangen. Mit anatomie-inspirierten Skulpturen, demontierter Geschichte als filmische Memo oder Fragmenten aus Beton, Stahl und Glas dagegen schon. Auch vor dem Welttheater mit den üblichen Statisten verweile ich länger. Einen überlebensgroßen Buntspecht umkreise ich mehrfach, um zu erfassen, aus welch skurrilen Elementen er montiert wurde. Ein mich lange faszinierendes Kunstwerk ist eine ortsspezifische Raum-Installation von Jörg Andernach namens The Mother of the Mothers of Inventions. Bestehend aus einem Mobile und Trickfilmprojektionen entstehen immer neue Sichterlebnisse.

Fragmente von Manaf Halbouni.

Vielleicht ist das das beste Beispiel dafür, dass man sich bei Kunst weniger fragen sollte, ob man sich ein Werk im Wohnzimmer vorstellen kann als vielmehr, was es uns sagen will. Dafür lohnt sich das Überschreiten von Denk- und Verständnisgrenzen und – wie bei mir – auch das Überziehen des selbst gesetzten Zeitlimits für den Ausstellungsbesuch.

Die 31. ROHKUNSTBAU ist noch bis 1. November 2026 im Schloss Altdöbern zu besichtigen.

 

Fotos: Dagmar Möbius

Aufmacher:

Impression aus einem Schlosssaal mit der Raum-Installation von Jörg Andernach.

 

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