Wenn happy Nilpferd auf Eierplätzchen trifft

Ich bin spät dran. Der 36. Tag der Deutschen Einheit ist vorbei. Offiziell wurde er diesmal in Bremen begangen. Ich war nicht dort, sondern in kleiner Runde in einem privaten Köpenicker Garten. Rustikal, bodenständig, mit fitten Musikveteranen und jungem Blut. Bemerkenswerte Fotos gab es auch an anderer Stelle.

Der Anlass des Treffens? Kein Geburtstag und ehrlicherweise auch nicht der staatliche Feiertag. Die spontane Lust auf Begegnung und der vielleicht letzte draußensitztaugliche Herbsttag. Jeder der Gäste brachte etwas mit. Nichts war abgesprochen, trotzdem passte es. Es gab selbstgebackenen Kuchen, selbstgemachtes Schmalz auf Schwarzbrot, geplatzte und gegrillte Würstchen, Knabberzeug. Schwedische Haferkekse, schokoladige Nilpferde und an früher erinnernde (Ost-)Eierplätzchen vertrugen sich problemlos. Bier aus Steglitz schmeckte den Herren. Weil es mundete, nicht weil es aus dem Westen kam. Ein verträgliches Menü mit vielen Anekdoten.

Wie es früher war, welche Auftritte wo mit welchen kuriosen Ereignissen stattfanden – und wer schon alles gestorben ist. Wenn ich oben Musikveteranen schrieb, dann ist das respektvoll gemeint. Ü80 zum Teil, da darf man das sagen. Immer noch bekannt in der Musikszene, gelegentliche Muggen, Sport als Muss im Wochenkalender, sehr interessiert am Geschehen der Welt und dankbar für alles, was sie erleben durften. Keine Selbstbeweihräucherung, bodenständiger Realismus. Keine Wehmut, allenfalls über verlorene Menschen. Die anwesende Jugend lauschte andächtig und begutachtete historische Fotos.

Ein bisschen politisch wurde es doch. Zwei der Teilnehmenden waren seit dem letzten Treffen Opfer der Gentrifizierung geworden. In anderen Worten: rund ein Fünftel. Herausgerissen aus ihrem gewohnten Umfeld, nervtötende Suche nach einer Bleibe, Neuanfang mit allen Erschwernissen. Existenznot, Angst vor Wohnungslosigkeit kannten sie bis dato nur von Fremden. Die Erkenntnis, dass es Jeden treffen kann, gerade in Berlin, schmerzt. Was zählt und wieder wichtiger wird, ist Zusammenhalt. „Wie früher.“ Das meint weniger eine Zeit als ein Gefühl. Gewohntes gibt Sicherheit.

Der Blick der anderen auf Erinnerung

Früher war vor 30 Jahren. Zum Beispiel. 30 Jahre sind eine Zeit, in der man Entwicklungen mit Abstand betrachtet. Genau das hat die Ausstellung „Ach Brandenburg … Fotografie im Dialog 1996 | 2026“ getan, die kurz vor dem Tag der Deutschen Einheit in Potsdam eröffnet wurde und bis März 2027 zu sehen sein wird.

Die Exposition geht auf das größte dokumentarfotografische Projekt Ostdeutschlands „Fotografie und Gedächtnis“ zurück. Initiiert von Diethart Kerbs und Sophie Schleußner, hielten zahlreiche Fotograf*innen zwischen 1993 und 1996 in drei Bundesländern fest, was sie nachfolgenden Generationen zeigen wollten. Gutshäuser und Landschlösser, Industrieanlagen und Arbeitersiedlungen, Naturschutzgebiete und ehemalige Militärsiedlungen der sowjetischen Streitkräfte, Kleinstädte und Dörfer sowie Denkmale für einen Todesmarsch nach aus den letzten Tagen des 2. Weltkrieges. 22.000 belichtete Aufnahmen aus 75 Orten in drei Bundesländern lagern in drei Archiven in Cottbus, Halle und Schwerin.

Unter der Leitung von Urich Richtmeyer, Professor für Medienkulturarbeit, Wiebke Loeper, Professorin für Fotografie, und dem Fotografen Hendrik Rauch meldeten sich 30 Studierende der Fachrichtungen Kulturarbeit bzw. Design der Fachhochschule Potsdam für einen freiwilligen Semesterkurs. Sie erhielten den Auftrag, ausgewählte Motive aus den 1990-er Jahren nachzufotografieren und sich dabei auf in Büchern verewigte Motive zu konzentrieren. „Ein abgetaucht wirkendes Fotoprojekt weiterbearbeiten“, nannte das Richtmeyer. Aus ehemals 25 Orten in Brandenburg suchten sie 15 Orte aus, bildeten Gruppen und fuhren hin.

„Viele Leute denken, Fotografie ist einfach“, sagte Professorin Loeper. Mit dem Handy sei es das auch. Für eine Ausstellung zu fotografieren, sei noch einmal etwas anderes. Fragen tauchen auf wie: Was ist was? Welches Material nutzt man? In welcher Größe sollen die Fotos sein? Welche Texte schreibt man dazu?

Prägnant: Fünf Stunden im Ersatzverkehr und immer noch in Brandenburg

Die Wege der Projektgruppen führten nach Forst, Hohenlychen, Kausche, Kirchmöser, Landkreis Oberhavel, Landschlösser in der Uckermark, Mittenwalde, Nationalpark Unteres Odertal, Oderberg, Rathenow, Brandenburg an der Havel, Vogelsang, Wildau, Wischedörfer im Landkreis Prignitz, Wolfshagen (Uckermark). „Fünf Stunden Anfahrt inklusive Schienenersatzverkehr und wir waren immer noch in Brandenburg“, beschrieb eine Studentin eine prägnante Erfahrung. Sie bekannte, mit dem Blick einer fremden Person noch nie fotografiert zu haben. Wo wurde das Foto gemacht? Wo stand der Fotograf? Welches Objektiv wurde verwendet? Wie verhielten sich Licht und Gegenlicht? Nicht zur richtigen Jahreszeit da zu sein, löste bei ihrem Kommilitonen den Wunsch aus, schnell fertig zu werden, auch wenn ihn unbekannte Orte interessierten. Einheimische halfen vor Ort oft, Motive zu finden.

In der Ausstellung hängen nun historische schwarz-weiß-Fotos neben farbigen Refotografien. Dafür gibt es eine Erklärung. In den 1990-er Jahren ging es darum, neue Bundesländer zu beschreiben und die Papierbilder haltbar zu machen. Heute wurde digital fotografiert. Die mit Piment-Farben in der Werkstatt der Fachhochschule Potsdam gedruckten Motive werden nach heutigem Stand vermutlich länger haltbar sein als die historischen Aufnahmen. Und: „Farbe ist kulturelle Information“, so Wiebke Loeper. Pflichtfotos bekamen schwarze Bilderrahmen, freie Arbeiten sind weiß umrahmt.

Meinen Aha-Effekt in der Ausstellung hatte ich vor Fotos aus der Niederlausitz. Dort war ich jüngst für eine Reportage im Braunkohlerevier. Daraus wird – wenn alles gut geht – etwas Neues entstehen.

Foto: Dagmar Möbius

Braunkohle killt Heimat. Wo einst das erste Dorf in der Niederlausitz umgesiedelt wurde, wächst heute Wein. Ein studentisches Ausstellungsmotiv hielt die nach dem Braunkohleabbau entstandene Wüste fest. Ganz in der Nähe entstand mein Foto an einem Weinberg des Tagebaus Welzow. Die Reportage erschien in der Ostdeutschen Allgemeinen Zeitung vom 2. Oktober 2026.

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