Im Wartezimmer des Lebens

Sind wir das nicht alle irgendwie? Für Cancer Survivors trifft diese Metapher auf jeden Fall zu. „Geheilt heißt nicht vorbei“, sagt Petra-Alexandra Buhl. Die Autorin von „Heilung auf Widerruf“ weiß genau, wovon sie spricht und schreibt. Ich habe ihr für die heute publizierte Ausgabe meines vierteljährlich erscheinenden Newsletters drei Fragen gestellt.

Üblicherweise ist ein Großteil der Inhalte exklusiv für Abonnent*innen. Weil mir dieses Thema besonders wichtig ist, veröffentliche ich das Kurzinterview nicht nur in der Newsletter-Rubrik „Die gute Nachricht/Das mutige Projekt“, sondern hier allgemein zugänglich.

Petra-Alexandra Buhl kenne ich seit ihrer Zeit als Journalistin bei der Sächsischen Zeitung in Dresden. Inzwischen coacht die studierte Historikerin und Germanistin schon 13 Jahre Führungskräfte und Aufgeschlossene systemisch, ist als Supervisorin und Moderatorin tätig.

Drei Fragen an Petra-Alexandra Buhl

Petra-Alexandra Buhl, Foto: Oliver Killig

Warum braucht die Welt „Heilung auf Widerruf“?

… weil es bislang kein Sachbuch zum Thema Langzeitüberleben nach Krebs gegeben hat, das sich an die Betroffenen, ihre Angehörigen und Freunde oder Kollegen richtet – also an ein Publikum, das weder Medizin studiert hat, noch einen Pflegeberuf ausübt. Mich hat die Frage interessiert: Wie kommen diese Menschen durchs Leben? Da ich selbst 1990 an Krebs erkrankt war und mit Chemotherapie und Bestrahlungen erfolgreich behandelt wurde, wollte ich wissen, wie andere Menschen mit ihrer Krankheitsgeschichte umgehen. Welche Spätfolgen haben sie und welche Strategien für ein gelingendes Leben finden sie?

Die Reaktionen auf mein Buch und sein Erfolg bei Betroffenen und Menschen mit medizinisch-pflegerischem Beruf bestätigen mich darin, dass es sehr wichtig war, das Thema in dieser Weise aufzugreifen. Viele Krebsüberlebende sagen mir, sie fühlten sich zum ersten Mal in ihrer besonderen Situation richtig gesehen und verstanden. Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Der Abschluss aller Therapien wird von den Ärzten, aber auch dem Umfeld der Kranken als der ganz große Siegespunkt definiert, an dem endlich „alles wieder gut“ sein soll. Anstatt überschäumendes Glück zu empfinden und mit wehenden Fahnen ins Leben zu stürzen, fallen die meisten Überlebenden aber erst einmal in ein tiefes schwarzes Loch. Das verstehen viele im Umfeld der frisch Geheilten überhaupt nicht und reagieren meist ungeduldig und verständnislos. Das ist ein sehr wichtiger Punkt für Krebsüberlebende und alle, die mit ihnen in Beziehung stehen. Hier wird klar, dass es das alte Leben vor der Krankheit nicht mehr gibt und sich alle in einem „neuen Normal“ zurechtfinden müssen. Es kann einige Jahre dauern, bis es Stabilität und Sicherheit in diesem neuen Leben gibt, bis Zorn und Trauer über die Krankheit und die damit verbundenen Erfahrungen integriert sind. Erst dann ist ein gutes Leben für die Cancer Survivors möglich.

Mein Buch zeigt auf, welche psychischen und physischen Fallstricke es während und nach der Krebstherapie gibt und wie man trotz aller Schwierigkeiten für sich ein gutes Leben gestalten kann. Die Menschen, die ich dafür interviewt habe, sind alle mindestens zehn Jahre vom Krebs geheilt, es sind Männer und Frauen mit unterschiedlichen Diagnosen und Therapien. Sie zeigen eindrucksvoll, wie man Krisen meistert und Belastungen aushält und wie das Leben nach dem Schrecken weitergehen kann.

Was macht Ihre Arbeit als Coach einzigartig?

Ich tue mich schwer damit, so etwas über mich selbst zu sagen. Stattdessen lasse ich da lieber Krebsüberlebende und Angehörige sprechen, die ich gecoacht habe. Sie fanden es besonders hilfreich, weil ich zum einen den fachlichen Hintergrund aus der Beratung und Supervision habe, zum anderen meine persönliche Krebsgeschichte. Überdies habe ich als Angehörige und Freundin krebskranke Menschen bis in den Tod begleitet. Die Erfahrung, mit Krebs umgehen zu müssen, kenne ich also aus verschiedenen Rollen. Viele Krebspatienten und Angehörige sagen, sie fühlen sich von mir genau verstanden, gesehen und in schwierigen Situationen gehalten. Sie schätzen meinen klaren Blick auf die Krankheit und ihre Folgen, die ehrliche Analyse und manchmal auch die Konfrontation mit unangenehmen Themen wie Progredienzangst, Krankheitsgewinn, Sterben und Tod. Die Krankheit zu überwinden heißt für mich auch, sich mit Ängsten und Gefühlen immer wieder auseinanderzusetzen und Sinn im Überleben zu finden. Ich bin übrigens überzeugt davon, dass ich viel mehr sagen „darf“ als die behandelnden Mediziner oder Psychotherapeuten – eben, weil mir die selbst durchgestandene Krankheit Glaubwürdigkeit und Haltung gibt. Mir kann niemand den Vorwurf machen: „Sie wissen ja gar nicht, wie das ist und wie es sich anfühlt, Krebs zu haben.“ Eine Klientin hat das mal sehr gut beschrieben: „Sie kennen den Code der Leute, die Leid erfahren haben.“

Als Survivor leben Sie im Hier und Jetzt – empfehlen Sie das allen Menschen?

Natürlich, aber das ist ein sehr hoher Anspruch, den niemand dauerhaft erfüllen kann. Man kann nicht jeden Tag so leben, als wäre er der letzte. Sonst würde man gar nichts mehr tun. Aber die Endlichkeit des Lebens stets im Blick zu behalten ist ein wunderbares Korrektiv im Leben. Eine so schwere und lebensbedrohliche Krankheit wie Krebs verändert vieles, nicht zuletzt den Umgang mit eigenen Erwartungen, Bedürfnissen und Themen wie Krankheit, Sterben und Tod. Im Hier und Jetzt zu leben bedeutet, die Situation wie sie ist zu akzeptieren – das Gestern nicht verändern zu wollen, das Morgen nicht mit überzogenen Ansprüchen und Träumen zu überfrachten. Akzeptanz heißt nicht resignieren, sondern das Beste aus der Situation zu machen und sie so lange nach eigenen Bedürfnissen umzugestalten, dass sie mindestens erträglich und bestenfalls zufriedenstellend wird. Die Gegebenheiten annehmen und lösbare Probleme zu bewältigen, gibt Kraft, dann steckt man seine Energie nicht ins Hadern. Außerdem ist das eine gute Stressregulation: Hindernisse, Widrigkeiten und Enttäuschungen sind schmerzhaft, aber man darf sich von solchen Erfahrungen nicht dominieren lassen.

Die Natur hat es so eingerichtet, dass wir Menschen durch traumatische Ereignisse wie eine Krebsdiagnose wachsen und reifen können. Das ist keine Ausnahme, sondern sogar die Regel. Diese Menschen schätzen ihr eigenes Leben danach viel mehr wert. Sie sind sich ihrer eigenen Stärken und Fähigkeiten bewusster und sie haben intensivere persönliche Beziehungen. Die schwere Krise hat ihnen geholfen, neue Möglichkeiten für sich zu entdecken und oft finden sie in ihrem Leben neuen Sinn. Ich finde, es ist eine Botschaft der Hoffnung, dass Menschen erfahrenes Leid in Stärke verwandeln können. Das zeigen die Interviews in meinem Buch eindrucksvoll.

 

 

 

 

Petra-Alexandra Buhl, Heilung auf Widerruf. Überleben mit und nach Krebs. Klett-Cotta, ET: 2019, 326 Seiten, Klappenbroschur, ISBN: 978-3-608-96373-1

 

 

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Service-Hinweis:

Die Deutsche Krebsstiftung veranstaltet seit 2015 einmal jährlich den 
German Cancer Survivors Day (GCSD). 2021 fand Anfang Juni eine digitale
Woche für Krebsbetroffene und Interessierte statt.

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