Geschichte bitte verlegen

Seit ich in Brandenburg wohne, hat das Wort „Provinzposse“ eine neue Bedeutung für mich. Erst hier begriff ich einige zeitgeschichtliche Zusammenhänge, deren Auslöser bis 1989 nicht alle ins berühmte „Tal der Ahnungslosen“ durchgesickert waren. Meinem ersten Besuch in der Gedenkstätte Sachsenhausen folgte stilles Entsetzen. Nur so lässt sich eine aktuelle Debatte einordnen.

Oranienburg ist eine wachsende Stadt mit aktuell fast 45.000 Einwohnern. Rund 700.000 Menschen aus aller Welt besuchen jährlich die KZ-Gedenkstätte im Ortsteil Sachsenhausen. Vom Bahnhof aus müssen sie knapp drei Kilometer laufen. Ein Linienbus fährt, ab und zu. Der Bedarf ist wesentlich höher. Eine akzeptable Lösung nicht in Sicht. Reisebusse manövrieren durch enge Straßen. Der Besucherstrom nervt Anwohner. Eine Initiative fordert jetzt, den Eingang zur Gedenkstätte zu verlegen (Beitrag der Märkischen Allgemeinen Zeitung). Als Zugereiste greife ich mir an den Kopf.

Ich glaube nicht an Karma. Obwohl oder gerade weil mich das Leben früherer Epochen fasziniert. Als 13-jähriger Teenager durfte ich mit der einzig zur jährlichen Gedenkfeier zugelassenen Schülergruppe das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald (Thüringen) besuchen. Es sollte eine Auszeichnung sein. Typisch DDR. Geschichte war nie mein Lieblingsfach. Trotzdem: historisch war ich vorbereitet. Seelisch nicht. Noch heute dringen Erinnerungsfetzen gelegentlich aus dem Unbewussten. Doch ich begriff, man kann Vergangenheit nicht abschütteln, nur weil sie schmerzt. Deutsche Geschichte erst recht nicht.

Seit vielen Jahren beschäftige ich mich mit psychotraumatologischen und zeithistorischen Zusammenhängen. Immer wieder begegne ich Menschen, denen Unfassbares widerfahren ist. Was Resilienz ist, lernte ich von ehemaligen Lager-Häftlingen. Die Hochbetagten nennen ihre Widerstandskraft nicht so, sie machen einfach weiter. Sie glauben an sich und schätzen jeden Lebenstag. Sie gewichten die Dinge anders als „Normalbürger“. Sie nehmen sich nicht zu wichtig.

Neues Museum Gedenkstätte Sachsenhausen

2013 wurde im Neuen Museum eine Ausstellung über rechtsextreme Gewalt in Deutschland eröffnet. Statt „die Bösartigkeit in der Gesellschaft aufzuspüren“, hatte der amerikanische Fotograf Sean Gallup Auswege aus der Gewalt gesucht und zu Zivilcourage ermutigt. Ich war seitdem unzählige Male in der Gedenkstätte Sachsenhausen. Bei Gedenkfeiern, offiziellen Terminen, Konzerten. Nicht nur beruflich. Nie werde ich den Moment vergessen, als ich nach dem ersten Besuch ins Freie trat. Bei herrlichem Sommerwetter waberten Grillschwaden aus den umliegenden Vorgärten. Eine junge Familie baute ein Haus – keine hundert Meter von der Lagermauer entfernt. Das Leben „drin“ und „draußen“ hätte nicht weiter voneinander entfernt sein können.

Der Historiker Frédéric Bonnesoeur hat über „die Rolle der örtlichen Stadtverwaltung bei der Einrichtung und Versorgung des KZ Oranienburgs und der Organisation der Zwangsarbeit der Gefangenen 1933-1934“ geforscht.

„Lass die Vergangenheit endlich ruhen“, legen mir regelmäßig Leute ans Herz, die noch nie „im Lager“ waren. Ich verstehe die Sehnsucht nach Idylle hinterm Gartenzaun. Absolut. Auch ich rege mich über Mülltouristen im Wohngebiet und asoziales Verhalten auf. Doch wer in der Nähe einer international bedeutsamen Gedenkstätte wohnt, wusste das beim Einzug oder hat familiäre Wurzeln in der Gegend. Ein heikles Thema, wie mir voriges Jahr die hochkarätig besetzte Tagung „Schwierige Nachbarschaft?“ verdeutlichte. Wohlgemerkt mit Fragezeichen. Jahrzehnte sprach kaum jemand über „Mitwisserschaft der Bevölkerung“. Sich mit dunklen Kapiteln auseinanderzusetzen, erfordert Mut. Nicht nur von Wissenschaftlern.

Das Internationale Sachsenhausen Komitee bezieht klar Stellung zum Begehren, den Zugang zur Gedenkstätte zu verlegen: „Geschichte kann nicht umgeschrieben werden.“ Über alle anderen Punkte kann und soll verhandelt werden.

Fotos: ©Archiv Dagmar Möbius

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