Heute ist die erste „Ostdeutsche Allgemeine Zeitung“ erschienen. Die Titelseite provoziert: „Vorsicht, Freiheit“. Im Bahnhofskiosk liegt der Stapel in der unteren Schublade. Das Blatt wird trotzdem gefunden und gekauft. Was das im Vorfeld medial kontrovers diskutierte Projekt für mich bedeutet.
In den letzten Jahren war ich bekanntlich überwiegend fachjournalistisch tätig. Das werde ich auch weiterhin sein. Doch nicht nur meine Forschung hatte und hat einen ostdeutschen Fokus, auch meine frühere und gelegentliche Berichterstattung im Regionalen. Ein überregionales Medium für Geschichten aus Ostdeutschland fehlte bisher. Zwar haben zahlreiche Medien „Ost-Seiten“ etabliert und es war mehr als früher zu lesen, zu sehen und zu hören, was zwischen Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern passiert. Doch oft wurden Zusammenhänge nicht wirklich verstanden oder es schwang ein überheblicher Unterton mit. Kaum Sympathie fördernd, spaltend und wenig zu einem guten Miteinander beitragend.
Projekt Halle based in Dresden
Seit Anfang des Jahres bin ich freiberuflich als Reporterin für die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung unterwegs. Eigene Ostsozialisierung war nicht ausschlaggebend. Bei mir nicht und im Team nicht. Das Projekt des Berliner Verlegers Holger Friedrich, als Projekt Halle des Ostdeutschen Verlages angekündigt, wurde vor allem in der Branchenpresse analysiert und kontrovers diskutiert, bevor die erste Ausgabe der OAZ erschienen war. Das sagt das Verlegerpaar anlässlich des Erscheinens. Überschrift: „Ein neues Leitmedium aus dem Osten tritt an: gegen Stigmatisierung, für Diskurs auf Augenhöhe in Politik und Medien.“ Das kann man großkotzig finden.
Für Fairness, gegen Klischees
Man kann sich jedoch Gedanken machen, was am Argument, die bekannten Leitmedien hätten „kommunikativen Flurschaden“ angerichtet, dran ist. Hier wird sich die westdeutsche Sichtweise ganz klar von der ostdeutschen Sichtweise unterscheiden. Logisch. An der Nordsee, im Ruhrgebiet oder im Saarland sind die Probleme andere, wenn auch nicht weniger erzählenswert. Gesellschaftliche Umbruchserfahrungen fehlen. Die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung möchte Repräsentationslücken schließen und eine ostdeutsche Erzählung verstärken. Dabei wird sie von dieser Grundsatzfrage geleitet: „Wollen wir eine faire, sozial ausbalancierte Gesellschaft mit Regeln, die für alle gelten, oder wollen wir einseitige Vorteile und Wettbewerbsverzerrungen akzeptieren, sie gar verteidigen?“
Publizistischer Anspruch versus Gegenwind
In der Ausgabe 1 veröffentlicht die Zeitung auf Seite 6 ganzseitig ihr Redaktionsstatut. Diese Leitlinien waren für mich Entscheidungsgrund, für das Projekt zu arbeiten, obwohl weder ich noch kaum jemand aus dem Team wusste, wie das Ergebnis am Ende sein würde. Das Branchenmagazin journalist berichtet, angefragte Kolleg*innen hätten eine Zusammenarbeit mit der OAZ abgelehnt. Zitat: „Die Suche nach Schreibkräften verlief kompliziert, Friedrich kassierte nicht wenige Absagen.“ Belegt wird das nicht. Ostidentitär, neurechts und Putin-nah, sind nur einige der Argumente. Für nichts davon stehe ich. Auch niemand der mir bekannten Projektbeteiligten. Die Ostdeutsche Allgemeine Zeitung positioniert sich ganz klar zur Demokratie und als „strikt unabhängig“. Dass sie Machtverhältnisse und Deutungshoheiten infrage stellt, verursacht Gegenwind. Wenig überraschend.
Vertrauen in den Diskurs
Meine erste Reportage ist in Ausgabe 1 noch nicht vertreten, kommt demnächst. Bei den Gesprächen für meine ersten Beiträge war ich nah an den Menschen, bis in kleinste Dörfer. Nicht alle wollten für eine unbekannte Zeitung mit mir sprechen. Das ist legitim. Die, die es getan haben, haben sich gefreut, gefragt und ernst genommen zu werden. Fast immer zum ersten Mal im Leben von einer Zeitung. Ich komme als Reporterin nicht mit einer vorgefassten Meinung, sondern ich höre zu, frage, recherchiere nach und schreibe, was ist. Nicht, was sein sollte oder jemand gern hätte. Das ist ein journalistischer Grundsatz. „Wenn Sie das so drucken, wie ich es Ihnen gesagt habe, wäre ich sehr überrascht“, bekannte einer meiner Gesprächspartner. Das Thema war kein großer Aufreger, aber Lebens- und Arbeitsalltag vieler Menschen. Meinungsvielfalt darf und muss sein.
Deshalb sind Lesende ausdrücklich aufgerufen, Themenvorschläge und eigene Beiträge einzureichen.
Aus dem Redaktionsstatut: "Wir Journalisten der OAZ verstehen uns nicht als Meinungsführer, Aktivisten oder Erklärer von oben herab. Wir verstehen uns als Übersetzer, Beobachter und Einordner einer komplexen Wirklichkeit." … "Für Ostalgie gibt es das DDR-Museum, für Opfernarrative ausreichend Ostversteher-Bücher." … "Der Osten ist kein Spezialthema, sondern der Ort, von dem aus gearbeitet wird. Diese Perspektive prägt Fragen, Blickwinkel und Themenauswahl."