Schere im Kopf?

Tag der Pressefreiheit. Manche Zeitungen machten heute mit einem (fast) leeren Titel auf. Nachmittags liegen Exemplare mit vermeintlicher Fehlermeldung auf dem Bäckertresen. An anderen Tagen sind sie dort längst ausverkauft. In der U-Bahn flimmert statt aktueller Meldungen das Werbelogo des Berliner Fensters über die Bildschirme. Was, wenn „das Establishment“ den heutigen Gedenktag wörtlich nimmt? Ich setze den Begriff in Anführungszeichen, denn zur etablierten Elite zählen sich längst nicht alle Journalisten. Auch nicht oder erst recht in Berlin-Brandenburg. Und obwohl das Wort selbst bei Debatten in Medienkreisen regelmäßig fällt.

In den Vormittag knallt die Nachricht, dass sich das Magazin Focus von 20 Redakteuren trennt.

Deutschland belegt im aktuellen Ranking der Pressefreiheit unverändert Platz 16. „Reporter ohne Grenzen“ beurteilen die Unabhängigkeit journalistischer Arbeit, aber auch Gewalt, Übergriffe und Haftstrafen gegen Journalisten. Hasskriminalität hat in Deutschland massiv zugenommen. Verbal und körperlich. Viele Medienschaffende fühlen sich dadurch psychisch belastet, auch wenn sie nicht selbst, sondern „nur“ Kollegen angegriffen werden. Was eine aktuelle Studie der Universität Bielefeld noch über das Phänomen herausgefunden hat, publiziere ich demnächst. Eine „Mutprobe“, wie es ein Reporterkollege empfindet, ist das Schreiben für mich dennoch selten. Auch wenn die Erkenntnisse für mich nicht nur Wissenschaftstheorie sind. Die Schere im Kopf ist schlimmer. Und die ist nicht nur ein Thema der Medien.

Titelfoto: Cover eines Infoflyers der Kampagne “No Hate Speech”

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