Mit Lichtgeschwindigkeit in die Cannabis-Fabrik

Die Einladung nach Sachsen verspricht einiges: Regionale Unternehmerpersönlichkeit + Ereignis + Cannabis-Produktion. Doch dann machen die Veranstalter aus der angekündigten Firmenübergabe eine open-air-Party. Bei 36 Grad. Niemand raucht Gras und niemand kommt zu Schaden. Der Erkenntniszuwachs ist daher groß. Und gibt Hoffnung für viele Schwerkranke.

Die Stimme dringt in den letzten Winkel des riesigen Geländes. Ist Roland Kaiser hier? Ich bin nicht die Einzige, die sich verwirrt umschaut. Zuzutrauen wäre das dem Gastgeber. Wolfgang Förster ist Multi-Unternehmer – früher hätte ich geschrieben: „Dresdens Nachtclubkönig“. Heute betreibt er Spielhallen und verkauft Sushi. Unter anderem. Auf jeden Fall ist er immer für eine Überraschung gut. Aktuell übergibt der 63-Jährige nach einigem Hickhack ein vor Jahren eher aus Versehen erworbenes, 10 Hektar großes, Firmengelände an einen Investor. Der kommt aus Kanada und hat einiges vor.

Morten Lars Brandt (Geschäftsführer Maricann GmbH), Wolfgang Förster (Unternehmer) und Josef Späth (Prokurist Maricann GmbH) berichten über die Pläne des Unternehmens (v.li.)

Den Live-Sänger hat Wolle Förster engagiert. Anthony Weihs gilt als „derzeit bestes Roland-Kaiser-Double Deutschlands“. Und so gibt der Sänger nach „Extreme“ – wie passend – ein eigenes Lied zum Besten. „Lichtgeschwindigkeit“ heißt die aktuelle Single. Von der Hörerschaft der Deutschen Hitparade bei MDR SACHSEN gerade auf Platz 2 gewählt.

Der Anlass meines Erscheinens ist ein anderer. Es interessiert mich, was sich in Deutschland in Sachen Medizinal-Cannabis tut. Viele Menschen sprechen darüber, doch auch ich weiß noch zu wenig darüber. Aus dem früheren Schlachthof in Ebersbach (Landkreis Meißen) soll eine Cannabis-Fabrik werden. Bis zum Jahr 2020 will das Unternehmen 25 Millionen Euro in den Ausbau von innovativen Pflanz- und Weiterverarbeitungsanlagen für medizinisches Cannabis investieren. 200 Arbeitsplätze sollen entstehen. Eine gute Nachricht, nicht nur für die 4500-Einwohner-Gemeinde, die in letzten Jahren infolge (Teil-)Leerstandes der Immobilie fünfstellige Summen an Grundsteuer erlassen hat.

10 Hektar groß und 3,4 Millionen Euro wert ist das Areal des einstigen Schlachthofes.

Aktuelles Unternehmensziel der Maricann Group: CBD-haltiges Cannabis anbauen und zu frei verkäuflichen Produkten verarbeiten. Der Wirkstoff Cannabidiol (CBD) wirkt nicht berauschend und fällt deshalb nicht unter das Betäubungsmittelgesetz. Nordwestlich vom Standort wachsen auf 170 Hektar bereits Pflanzen heran, die kurz vor der Ernte stehen. Mit einer neuen Trocknungsanlage sollen etwa drei Tonnen Cannabis pro Stunde getrocknet werden. Später sollen zudem 400 Kilogramm Cannabisblüten verarbeitet werden.

Blick in einen Testraum.

Gewinnt das Unternehmen eins oder mehrere Lose des laufenden Vergabeverfahrens des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte für Lizenzen zum Anbau von medizinischem Cannabis, wird perspektivisch in Sachsen auch THC-haltiges Cannabis in der Fabrik und legal produziert. Ich durfte in die bereits eingerichteten Test-Räume schauen. Künftig soll dort erforscht werden, unter welchen Bedingungen die Tetrahydrocannabinol-haltigen Pflanzen am besten gedeihen. Wenn alles klappt, könnte fünf- bis sechsmal jährlich geerntet werden. Logisch, dass es auch Hochsicherheitstrakte gibt.

Eine nichtpsychoaktive Cannabis-Pflanze kurz vor der Ernte.

Unternehmer Wolfgang Förster, manch edlem Tropfen nicht abgeneigt, hat mit Drogen gar nichts am Hut. Zu viel Respekt hat er davor, sagt er, zu viel Haltlosigkeit gesehen. „Du bist machtlos“, so seine Erfahrung aus vielen Jahrzehnten Partyleben. Weil einem Bekannten in Deutschland verschriebenes Medizinal-Cannabis (seit 2016 möglich) nicht geliefert werden konnte, ist er aber überzeugt, den ehemals modernsten Schlachthof Europas an den optimalen Investor  verkauft zu haben. „Gut, dass hier keine Tiere mehr sterben müssen“, war ein weiteres Argument für den Nichtvegetarier.

Ein Prozent der Bevölkerung würde Experten zufolge medizinisches Cannabis konsumieren. Viele Patienten, beispielsweise mit schweren Schmerzen oder mit Depressionen, bevorzugen eine solche Behandlung mit natürlichen Rohstoffen. In Kanada beträgt der Gesamtverbrauch bei einem Gramm pro Tag pro Person landesweit 350 Kilogramm. Für Deutschland wird ein Verbrauch von 900 Kilogramm prognostiziert. Im sächsischen Ebersbach soll sich eines Tages das Europäische Hanf-Kompetenzzentrum befinden.

Fotos: Dagmar Möbius

2 Gedanken zu „Mit Lichtgeschwindigkeit in die Cannabis-Fabrik

  1. toller Artikel!!
    Wäre es möglich, von ihnen die kontaktdaten zu erhalten, da ich sehr an einer Kooperation interessiert bin?
    nähere Infos finden sie auf unserer web-site
    herzlichen dank!

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