Raus aus dem Jammertal – unbequem, aber reizvoll

Zum ersten Mal fand die Fachtagung „Besser online“ des Deutschen Journalistenverbandes in Ostdeutschland statt. In der Leipzig School of Media diskutierten Berufskollegen und Digitalexperten über Herausforderungen des Online-Journalismus, künstliche Intelligenz, Populismus, Fälschungen und virtuelle Realität. Ein Video aus einem niedersächsischen Kuhstall bescherte Aha-Effekte. Humorvolle Denkanstöße gab der gebürtige Israeli Shahak Shapira.

„Raus aus dem Jammertal“ war die 2018er DJV-Fachtagung „Besser online“ überschrieben. Für Lorenz Lorenz-Meyer, Professor für Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt, hat die Medienbranche das „Jammertal“ schon hinter sich gelassen. Warum? „Journalismus ist besser online, weil er online besser sein kann.“ Das Wortspiel gelte allerdings nur, wenn Verlage den Machern keine Steine in den Weg legen und Journalisten die Herausforderungen der Digitalisierung optimistisch annehmen. Daher plädiert der Referent lieber für ein „Raus der Komfortzone!“ Dort waren viele freie Journalisten oder Berufsstarter ohnehin noch nie.

„Journalismus ist manchmal wie ein chirurgischer Eingriff“, sagt er und er meint das genauso. Weil Selbstreflektion dazu gehört und der „Abschied von Hippie-Idealen“. Er seziert den Slogan „Journalismus auf Augenhöhe“ und resümiert Alternativen. Damit erinnert er an Grundsätze, die in vielen Journalistenausbildungen Standard waren, heute aber oft ignoriert werden: Respekt und Professionalität. Recherche und Analyse statt (empörter) Meinung. Relevanz! Öffentlichkeit statt Zielgruppe. Strategische Themenplanung. Querbezug und Verlinkung. Dialog. Sein Fazit: „Damit Journalismus seiner gesellschaftlichen Rolle gerecht werden kann, muss er erstmal unbequem werden – und zwar: unbequem für uns!“

Lorenz Lorenz-Meyer, Professor für Online-Journalismus an der Hochschule Darmstadt, eröffnet die Fachtagung mit einer Keynote.

Im Workshop von Stephan Stratmann lerne ich, wie man Chatbots selbst baut, welche Fragen diesen am häufigsten gestellt werden und warum Menschen, die mit Maschinen kommunizieren, „kurzatmig“ werden. Gut zu wissen.

Dass die Medienbranche zögerlich mit Innovationen umgeht, ist kein Geheimnis. Die Angst, eine gewisse Macht zu verlieren, spiele dabei wohl eine Rolle, vermutet die Digitalexpertin Eva Werner. Der Zeit voraus zu sein, sei jedoch nicht schlimm. Wichtig: dranbleiben! „Experimentierfreude ist besser als Panik“, ermuntert Marc Heywinkel, stellvertretender Redaktionsleiter von ze.tt. Johannes Klingebiel von der Süddeutschen Zeitung rät: „Dinge auszuprobieren und dabei Spaß zu haben, ist keine Altersfrage.“

Disruptive Technologien verändern die Medienbranche – aber wie?

Eine Podiumsdiskussion über künstliche Intelligenz und virtuelle Realität schafft es, mich neugierig auf ein 360°-Video aus einem niedersächsischen Kuhstall zu machen. Unspektakulär. Eigentlich. „Man kann Menschen auf ganz andere Art und Weise erreichen und Geschichten anders erzählen“, beschreibt Susanne Dickel, Gründerin von IntoVR und unter anderem mit dem Deutschen Reporterpreis 2017 ausgezeichnet, die Technologie. Der kurze Streifen über den Alltag einer Bauernfamilie fasziniert mich, obwohl ich sehr selten über Landwirtschaftsthemen schreibe. Das Budget und der Aufwand waren auch viel kleiner als gedacht. Was das mit Journalismus zu tun hat? Das Geschichtenerzählen verändert sich. Wir müssen wissen, welche technischen Möglichkeiten es gibt, auch wenn wir nicht alles selbst beherrschen können (oder wollen). Wer meint, das Kuh-Projekt der Initiative Dialog Milch sei ein Randgruppenspleen, sollte zum Kanal mykuhtube.de, auch bei YouTube, schalten. Aha-Effekt: Kühe können viral gehen.

Apropos Viralität. Selfies am Berliner Holocaust-Denkmal, integriert in historische Fotos von Nazi-Vernichtungslagern – sein Projekt Yolocaust erreichte weltweit 100 Millionen Menschen. Von seinen Aktionen hatte ich gehört und gelesen. Den 30-jährigen Shahak Shapira live zu erleben, war dann doch etwas anderes. Eindrücklicher. Die Sicht des vielseitigen und mutigen Comedians auf den alltäglichen Kampf um Aufmerksamkeit, lässt schmunzeln, vor allem aber nachdenken. Er hat viel Kluges zu sagen. „Manchmal ist Recherche das Herz einer Sache, nicht das Kreative.“ Der Beobachtung, dass heute häufig Tatsachen und Meinungen verschmelzen, setzt er entgegen: „‘Fakt ist für mich, dass …‘, kannst du heute nicht machen.“

Wie man Menschen erreicht, kann Künstler und Comedian Shahak Shapira gut erklären.

Eine inspirierende Fachkonferenz mit nachhallender Wirkung.

Mein Bericht umfasst nur den Teil der von mir besuchten Panels. Für eine umfassenderen Eindruck empfehle ich die Kanäle des DJV und der genannten Personen.

Fotos: Dagmar Möbius

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