(Selbst) Geschrieben wie recherchiert

„Du schreibst das doch nicht alles selbst?!“ Die Frage hörte ich nun zum wiederholten Mal. Ungläubig, zweifelnd. Oh, doch! Gelegentlich wundere ich mich selbst, wie das mit zwei Online-Portalen verbundene Pensum zu schaffen ist. Vor allem, weil ich es zusätzlich zu den regulären Berufs- und Alltagsherausforderungen bewältige. Doch das Aufwändigste ist nicht das Schreiben, sondern die Recherche. Die erfordert die unbedingte Anwesenheit bei Ereignissen, das Selbsterfahren. Persönliche, manchmal vertrauliche, Gespräche und bei der Faktenkontrolle mitunter den Einblick in verstaubte Akten. Unzählige Hintergrundtelefonate und Mails, die entweder weiterbringen oder das Ende einer These markieren.

Sackgassengeschichten veröffentlicht niemand. Dachte ich. Diverse Nachrichten-Apps belehren mich eines Besseren. Es scheint modern, gesendete Fernsehsendungen oder gar Gerüchte nachzuerzählen und als Journalismus zu verkaufen, ganz gleich, ob etwas Relevantes oder Bewegendes geschehen ist. Dass man nicht dabei war – geschenkt. Hauptsache, die Klickzahlen stimmen. Einmal eine Schlagzeile über eine Vergewaltigung angeklickt, schon sendet der Algorithmus im Stundentakt verwandte Nachrichten aus allen Ländern der Erde. Verbrechen sind schlimm und darüber muss unter Umständen berichtet werden. Doch was, wenn ich nur noch Dinge lesen soll, die mich glauben lassen, die Welt sei eine komplett verfahrene Kiste?

Mir ist klar, dass Boulevard seine Berechtigung hat und – gut gemacht – nicht nur unterhaltend, sondern auch nutzwertig sein kann. Klatsch in Hochpotenz ist aber nicht meins. Ich ärgere mich oft über Beiträge, deren Überschriften versprechen, was sie nicht halten. Das versuche ich zu vermeiden.

Ich möchte Dinge ergründen, fragen und forschen, Menschen für Sachverhalte interessieren, die sie bisher nicht kannten, Lösungen für Probleme suchen und informieren. Wenn jemand etwas für irrelevant hält, wird meine Neugier angestachelt. Manchmal auch mein Widerspruchsgeist. Tatsächlich lohnt es sich, aussichtslos scheinenden Dingen auf den Grund zu gehen. Nachzuhaken. Wer einmal in einem Archiv geforscht hat, weiß, was ich meine. Es gibt immer Überraschungen.

Einige davon erlebte ich kürzlich im Bundesarchiv. Mit Hilfe der Archivare hatte ich plötzlich lange gesuchte Dokumente in der Hand, zum Teil sogar im Original. Erstmals auch Zahlen zu ausgebildeten Sprechstundenschwestern. Noch ist meine Archivrecherche nicht abgeschlossen, aber schon jetzt lässt sich sicher sagen: klein ist die Gruppe nicht. Ein ehemaliger DDR-Bezirk, den ich bisher nicht auf dem Schirm hatte, kristallisierte sich als Ausbildungsspitzenreiter heraus. Und auch inhaltlich ist nun vieles belegbar.

Ich habe mir „dieses Los“ selbst ausgesucht und ich bin froh darüber. Ich muss für die Portale nicht nach Stichtag abliefern, sondern ich veröffentliche, wenn etwas zu Ende recherchiert oder nach meiner Ansicht veröffentlichungsreif ist. So wird nicht alle paar Tage Belangloses wiedergekäut, sondern ab und zu herrscht vermeintliche „Funkstille“. Das halte ich auch im echten Leben so. Ich muss nicht zu jedem Vorkommnis einen Kommentar abgeben. Erst recht nicht, wenn ich mich nicht auskenne. Etappenweise in Stunden, mitunter auch in Tagen, steht Digital Detox auf meiner Agenda. Selbst als Journalistin kann man das überleben. Und ist der schon zeitlich gebotenen Fokussierung sehr dienlich. Mich dazu zu disziplinieren, habe ich in den letzten Jahren mehr und mehr gelernt.

Wenn ich – wie jüngst – bei Sprechstundenschwester.de eine Serie über die Anerkennungsbehörden publiziere, ist eine wochenlange Recherche vorangegangen. Teil 1 wird erst veröffentlicht, wenn Teil 6 fertig ist. In solchen Fällen erscheint täglich ein Beitrag. Das ist sinnvoll, um innerhalb kurzer Zeit einen kompakten Überblick über einen bestimmten Themenabschnitt zu haben. Ansonsten gibt es keinen rigorosen Zeitplan – bei Auftragsartikeln selbstverständlich schon.

Warum erst die Anerkennungsbehörden und immer noch nichts Hintergründiges beispielsweise zur Petition? Die unabhängig voneinander eingeholten Antworten offenbarten gleiches Vorgehen, aber auch Widersprüche sowie Defizite der Gesetzeslage. Darauf werden kommende Beiträge aufbauen. Und schreiben werde ich die – wie bisher – natürlich alle selbst.

Foto: ©Dagmar Möbius

Im Bundesarchiv in Berlin-Lichterfelde konnte ich bereits für mehrere Themen Hintergrundinformationen und Dokumente finden. Aber nicht immer führt die akribische Suche nach Hinweisen zum erhofften Ziel.  

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