So ruhig hier – auch in Pankow

Mit dem Sonderzug bin ich nicht gekommen. Ich habe mich verlaufen. Unplanmäßig abgebogen, Fassaden bewundert und Häuserbotschaften gegen Gentrifizierung registriert, weiterspaziert. Über die Dächer ragt der Fernsehturm – wirklich verlaufen kann man sich in Berlins Mitte höchstens nachts.

Ein Schild „Ausstellung“ lockt, in ein Gebäudeensemble einzutreten. Ich müsste weiter, aber wenn ich schon einmal da bin, schaue ich mich um im Kultur- und Bildungszentrum Sebastian Haffner. Niemand außer mir in der Nähe. In der Ausstellungshalle wird bis Anfang September „Moskau ist nicht Berlin“ gezeigt. Die Exposition wurde vom Zwetajewa-Zentrum für russische Kultur an der Universität Freiburg e.V. geliehen und ist erstmals in der Hauptstadt zu sehen. Gewidmet ist sie dem russischen Schriftsteller Michael Bulgakow (1891-1940) und seinem Roman „Der Meister und Margarita“. Die Mitarbeiterin – vorschriftsmäßig hinter einer Plexiglasscheibe – erzählt mir in Kurzfassung, warum die Ausstellung so bedeutend ist und was ich im Museum Pankow finden kann. Insidertipps inklusive.

Mich interessiert „Gegenentwürfe. Der Prenzlauer Berg vor, während und nach dem Mauerfall“ im Vorderhaus des Museums. Die Dauerausstellung wurde bereits vor zehn Jahren eröffnet. Der Kiez war und ist Heimat für oppositionelles Denken und Subkultur. Die Gethsemanekirche als zentraler Ort der Friedlichen Revolution 1989 steht hier. Anschauliche Infos zu sechs Themen (Mitbestimmung, Stadtsanierung, Erziehung, Umweltschutz, Wirtschaftssystem und soziale Verantwortung) an sieben Orten sind in zwei Räumen gebündelt. Wer ein Gefühl für die Tage von dem in die Geschichtsbücher eingegangenen Herbst 1989 bekommen möchte, kann das hier. Ebenso für die Veränderungen im Prenzlauer Berg der vergangenen drei Jahrzehnte.

Im Kapitel „Sozialistische Stadtplanung“ am Beispiel des Ernst-Thälmann-Parks finde ich Hinweise für eine meiner laufenden Recherchen. Gesucht hätte ich hier vermutlich nicht danach. Was für ein Glück!

Warum erzähle ich das? Viele Menschen klagen über die aktuell so belastende Zeit, weil vieles nicht möglich ist oder nicht wie gewohnt. Aber: hat Klagen schon jemals etwas besser gemacht? Manchen ist die Ruhe zu ruhig. Es sei zu wenig los, so ohne Spaßkultur. Ich finde Ruhe toll. Und gesund.

Trotz anhaltender coronabedingter Einschränkungen ist vieles bereits wieder möglich. Anders als früher, aber möglich. Überall arbeiten engagierte Menschen, die etwas zu erzählen haben. Jetzt haben wir die Zeit dazu – wir müssen uns nur für Zuwendung und Wissenszuwachs entscheiden. Manchmal auch dem Zufall auf die Sprünge helfen. Das hilft, sich selbst nicht so wichtig zu nehmen. Vielleicht auch gegen Verschwörungstheorien, aber das hoffe ich mehr, als dass ich es weiß.

Apropos erzählen. Normalerweise höre ich berufsbedingt anderen Menschen zu. Mitte Juni war ich im 1. Digitalen Erzählsalon „30 Jahre Deutsche Einheit. Deine Geschichte – unsere Zukunft“ eingeladen und durfte im Live-Stream zum Themenschwerpunkt „Arbeit“ selbst erzählen. Worüber, steht hier:

Wirklich ruhig ist es also auch bei mir nur scheinbar – die Arbeit läuft weiter. Eher leise als laut.

Fotos: Dagmar Möbius

 

Aufmacher: Im Innenhof des Kultur- und Bildungszentrums Sebastian Haffner.

 

 

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