Aus- und Eingeblendetes

Was haben Jammerliesen, Konkurrenzdenken und Zahlungsschwierigkeiten miteinander zu tun? Sie sind typische Beispiele für Wahrnehmungslücken, umgangssprachlich „blinde Flecken“. Wir haben sie alle. Manche tun uns selbst weh, manche machen andere wahnsinnig. Verschwinden können sie nur, wenn wir uns mit ihnen befassen. Auf geht’s!

Die Begriffe in meiner Wortwolke zählen nur einige Beispiele für Ausgeblendetes, Verdrängtes, Unbewusstes auf. „Bei uns doch nicht!“ Das ist 2023 das Motto der Brandenburgischen Frauenwochen, die in diesem Jahr zum 33. Mal stattfinden. Als aktives Mitglied des Netzwerks „Unternehmerinnen in Oberhavel“ bin ich derzeit neben meinen sonstigen Tätigkeiten intensiv in die Organisation unserer Veranstaltung am 15. März 2023 in der Orangerie Oranienburg involviert. Anmeldungen und aktive Teilnahme sind über die verlinkte Website möglich.

Beispiele für Wahrnehmungslücken finden sich täglich

Blinde Flecken habe ich hier auf der Website und in meiner journalistischen Arbeit schon öfter behandelt. Es können Diskriminierungs- und Ausgrenzungserfahrungen sein, nicht selten einfach fehlendes Bewusstsein für Situationen oder Zustände. Viele medial kaum präsente Themen sind keine Massenphänomene, aber trotzdem existent. Der jüngste Tatort“ aus meiner Heimatstadt Dresden (in der Mediathek verfügbar bis 8. Juli 2023) war ein klassisches Beispiel dafür. “Totes Herz“ nach einem Drehbuch von Kristin Derfler greift mehrere „blinde Flecken“ auf: Das „Broken-Heart-Syndrom“, medizinisch „Tako-Tsubo-Syndrom“, und „Politisch motivierte Adoptionen in der DDR“. Ersteres wird bei zwei Prozent aller Patient*innen mit Verdacht auf Herzinfarkt diagnostiziert und tritt nach stressbedingten oder belastenden Ereignissen auf.

Dass es „Zwangsadoptionen in der DDR“ tatsächlich gab, wird auch in einem Filmdisput infrage gestellt. Doch es gab sie – annehmbar in Tausenden Fällen, wenngleich für Betroffene dazu wissenschaftlich bisher wenig Brauchbares existiert. Das ist fatal, denn wenn der Drehbuchautorin „eine Vorliebe für Groschenromane“ anrezensiert wird und die platte Aussage, sich „für keinen Blödsinn zu schade“ zu sein, ist eine Chance vertan, sich ernsthaft mit der Thematik auseinanderzusetzen.

Die „Interessengemeinschaft gestohlene Kinder der DDR“, mit der ich seit vielen Jahren im Kontakt stehe, berät und betreut Betroffene von Zwangsadoptionen und Säuglingstod. 1.500 Mitglieder hat der ehrenamtlich arbeitende Zusammenschluss mit Sitz in Sachsen. Jedes Jahr zu Weihnachten bündeln sich neue Anfragen, berichtete mir Andreas Laake, der Gründer der IG. Die Aktiven haben im Jahr 2018 die Petition „Aufarbeitung von DDR-Unrecht bei Zwangsadoption und ungeklärten Säuglingstod/ Kindstod in der ehemaligen DDR“  an den Petitionsausschuss des Deutschen Bundestages gerichtet, worauf sich tatsächlich einiges bewegte. Jedoch noch nicht genug. Nach wie vor scheitern Betroffene mit Auskunftsersuchen bei Behörden, nicht selten auch an Ignoranz. Die Gesetzgebung, die alle DDR-Adoptionen – gleich wie sie zustande kamen – legalisiert, ist für „an Kindes statt angenommene“ Betroffene ohne auffindbare Adoptionsdokumente und damit ohne Wissen um ihre Wurzeln eine Qual, für Eltern, die noch heute nach ihren Kindern suchen, unerträglich. Es ist unbekannt, wie viele Mütter und Väter wie in der 1221. Tatort-Folge am gebrochenen Herzen gestorben sind.

Blinde Flecken in der Gesetzgebung

Es ist unbekannt, wie viele Recherchen heute erwachsener, ehemals zwangsadoptierter Kinder mit gefälschten oder nicht auffindbaren authentischen Geburtsdokumenten ins Leere laufen. Dabei gibt es seit März 2022 eine Kampagne des Deutschen Instituts für Menschenrechte: Jedes Kind hat das Recht auf eine Geburtsurkunde. Für die unrechtmäßig adoptierten DDR-Kinder wäre zu ergänzen: „eine ungefälschte Geburtsurkunde mit echtem Herkunftsnachweis“.

Die „Interessengemeinschaft gestohlene Kinder in der DDR“ ist aktuell erstaunlich ruhig. Auf ihrer Website findet sich kein aktueller Hinweis zum Lieblingskrimi der Deutschen. Der für 2020 in Leipzig geplante 1. Kongress musste coronabedingt abgesagt werden und hat noch keinen neuen Termin. Dabei gibt es nach wie vor unzählige offene Fragen. Die Naheliegendste: „Müssen in der DDR zwangsadoptierte Menschen erst jemanden umbringen, damit die Justiz Licht in ihr Herkunftsdunkel bringt?“ Wohl kaum.

Auch wenn der „Tatort“ Fiktion ist: Ich bin der Drehbuchautorin und allen Beteiligten dankbar, dass ein Nischenthema eine große Medienpräsenz bekam. Die Erstausstrahlung am 8. Januar 2023 sahen mehr 9,41 Millionen Menschen.

Zurück nach Oranienburg

Unsere Veranstaltung am 15. März 2023 wird wesentlich weniger Personen erreichen. Dennoch ist sie wichtig. Auch hier werden „heiße Eisen“ diskutiert. Eine Blog-Reihe wird ergänzend verschiedene „Bei uns doch nicht!“-Aspekte behandeln. Welche sollten Ihrer Meinung nach unbedingt auf die Bühne?

Wortwolke und Postkarte: Dagmar Möbius

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