Für 20 Prozent ist die „Lügenpresse“ legitim.

„Aber schreiben Sie nicht für die Lügenpresse!“ Der gut gemeinte Rat des älteren Herrn klingt nach. Ich höre ihn oft. Auch beim Kaltwalzwerk-Tag, als sich Anfang Januar zahlreiche Neugierige durch das Oranienwerk führen ließen. Als gebürtige und langjährige Dresdnerin werde ich seit Pegida regelmäßig gefragt, was ich davon halte, dass „die Medien“ schreiben, „was sie schreiben müssen“.

Ich reagiere meist genauso, wie wenn mich jemand mit „Oh, die Presse kommt“ empfängt. Ich bin nicht „die Presse“. Ich arbeite für mehrere, ganz verschiedene Medien. Grundsatzdiskussionen sind meist sinnlos. Wer sich wirklich und ernsthaft dafür interessiert, dem erkläre ich, wie ich arbeite. Und warum. Und so transparent wie möglich. So auch bei jedem Tag der offenen Ateliers im Oranienwerk.

Impression vom 1. Kaltwalzwerk-Tag.
Ehemalige erinnerten sich an Zeiten, in denen hier noch Taschenschirme hergestellt wurden. Einheimische und Anwohner informierten sich, was aus dem einstigen Industriestandort geworden ist, in dem heute viele Kreative ihr neues berufliches Zuhause gefunden haben.

Ich merke, Laien wissen über den Beruf des Journalisten wenig. Über Freiberuflichkeit noch viel weniger. Nicht alle Klischees kann ich entkräften. Medien werden von Menschen gemacht. Sind also genauso fehlbar. Zudem: nicht alles, was passiert, ist öffentlichkeitsrelevant. Andererseits, auch freie Redakteure bekommen wichtige, meist soziale, Themen oft nicht abgenommen. Aus Furcht, die Leser, Hörer, Zuschauer zu verprellen, ihnen zu viel zuzumuten.

Heute veröffentlichte statista Ergebnisse einer repräsentativen Studie zur Glaubwürdigkeit der Medien. Es beunruhigt, wenn ein Fünftel aller Wahlberechtigten findet, dass es gerechtfertigt sei, Zeitungen, Rundfunk und Fernsehen vorzuwerfen, „Lügenpresse“ zu sein. infratest dimap befragte im Auftrag des WDR 1.000 Wahlberechtigte. Die Untersuchung fand zwischen dem 14. und 17. Dezember 2016 statt, also vor dem Anschlag auf den Weihnachtsmarkt an der Berliner Gedächtniskirche. Es ist zu befürchten, dass die Zahlen heute, gut vier Wochen später, etwas anders aussähen.

Infografik: AFD-Wähler glauben den Medien nicht | Statista
Mehr Statistiken finden Sie bei Statista

Relevanz und Gründlichkeit fehlen auch mir mitunter. Aber: in einem Land der Pressefreiheit und Demokratie darf alles, was das Grundgesetz erlaubt, sein. Ob ich es gut finde oder nicht. Für Medien, deren Philosophie ich nicht teilen kann oder denen es an Respekt und Wertschätzung für ihre Mitarbeiter fehlt, arbeite ich nicht. Das ist Luxus, auch wirtschaftlich. Ich bin dennoch überzeugt davon, dass Transparenz in unserem Beruf wichtiger wird. Warum wird recherchiert? Wie wurde vorgegangen? Welchen Hintergrund haben die Journalisten? Auf welche Quelle beziehen sie sich? Warum hat es bis zur Veröffentlichung so lange gedauert? Wer hat die Recherche ggf. behindert?

Noch viel zu selten weiß man als Konsument, wer eine Zeitung/eine Sendung produziert, ob und welches politische Parteibuch/Mandat jemand hat, welche Interessenkonflikte es gibt. Viel zu wenige Redakteure sind direkt zu erreichen. Ich möchte wissen, wo und was jemand studiert hat und habe Hochachtung vor allen Seiteneinsteigern, die oft einen wichtigen, praktischen Blick für Zusammenhänge mitbringen und andere Fragen stellen. Die verständlich sprechen. Doch es gibt Hoffnungsvolles in der deutschen Medienlandschaft. Der blinde Fleck. Correktiv. Flurfunk. Krautreporter. Perspektive Daily. Um nur einige Beispiele zu nennen. Dazu unzählige gute Laien-Blogs und sehr viele regionale Initiativen.

Foto vom Kaltwalzwerk-Tag: Dagmar Möbius

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