Treue Hände und Genossin Rosi

In den letzten Wochen wurde in diversen Medien darüber diskutiert, ob Ostdeutsche Migranten sind. Die Soziologin und Integrationsforscherin Naika Foroutan hatte in einem taz-Interview unter anderem gesagt: „Migranten haben ihr Land verlassen, Ostdeutsche wurden von ihrem Land verlassen.“ Die These beschäftigt mich. Logisch. Dann ging das „Traumschüff“ vor Anker und das Thema wurde greifbar. Auf ganz unverhoffte Weise. 

An der Landungsbrücke hat das „Traumschüff“ angelegt. Ein schwimmendes Theater auf dem Oranienburger Kanal. Eigentlich will ich nach Hause. Doch ich bin neugierig. An der Uferböschung sind Bierbänke und Stühle aufgereiht. Erstaunlich viele Menschen warten auf die Crew der „Genossin Rosi“. So heißt der Katamaran der ersten gemeinnützigen Theatergenossenschaft in Deutschland, gegründet 2017. Die Uraufführung eines Live-Hörspiels ist angekündigt. Sein Name „Treue Hände“. Das kann vieles verheißen. Ich rutsche auf eine Bank und lasse die Abendstimmung auf mich wirken. Der Regisseur sitzt zwei Meter links von mir am Laptop. Er ist die Ruhe selbst.

Dann geht es los. Ziemlich rasant. Drei Schauspieler, zwei Frauen und ein Mann, wechseln ihre Rollen wie am Fließband. Nach wenigen Minuten ist klar: Wir sind in der Wendezeit. Die Geschichte spielt in Oranienburg. Im damals modernsten Kaltwalzwerk Europas. Heute bekannt als Oranienwerk und mein Bürositz. Damals akut in seiner Existenz bedroht. Die Mitarbeiter kämpfen um den Erhalt von 1500 Arbeitsplätzen. Verhandeln mit der Treuhand beziehungsweise versuchen es. Menschliche Abgründe tun sich auf. Karriere oder Charakter? Das hat manche/r nach dem Ende der DDR schnell entschieden. „Es muss ja weitergehen.“

Ich will nur kurz bleiben, doch das Geschehen zieht mich in seinen Bann. Vieles kommt mir mehr als bekannt vor, obwohl diese Stadt nicht meine Heimat ist. Es ist lange her, dass mich ein Theaterstück so emotional ergreift. Produziert von unbelasteten jungen Leuten, alle geboren Ende der 1980er-, Anfang der 1990er- Jahre, in Ost oder West. In der ersten Reihe sitzen ehemalige Kaltwalzwerker. Einige wischen sich die Augen. Die Vergangenheit schmerzt. Der verlorene Kampf. Die Ungerechtigkeit. Ganz sicher auch die Unverfrorenheit der „Treuhänder“.

Abgang nach einer Stunde. Langer Beifall. Fortsetzung folgt.

Ich spreche mit Regisseur und „Traumschüff“-Vorstand David Schellenberg. Der 1989 in Berlin geborene Schauspieler hat das Wandertheater für den ländlichen Raum initiiert. Regionales mit historischen Bezügen wird verarbeitet. Für „Treue Hände“ hat die Crew ehemalige Beschäftigte längst abgewickelter Industriebetriebe in Premnitz und Oranienburg interviewt. „Vieles haben wir nicht gewusst, das hat niemand von uns in der Schule gehört“, erzählt er. „Wir finden, diese Dinge müssen erzählt werden, am besten im Theater.“ Nachdenklich fügt er hinzu: „Ich kann verstehen, dass sich viele Menschen im Osten wie im besetzten Land fühlen.“

Nikola Schmidt hat das Stück geschrieben. Die Juristin mit der sozialen Ader hat die letzten Dialoge erst drei Tage vor der Uraufführung fertig gestellt. „Toll, wie die Schauspieler das umgesetzt haben“, lobt sie. Viele Zuschauer wollen mit ihr sprechen. Älteren stehen Tränen im Gesicht. Hat der Stoff die Autorin berührt? „Das kann niemanden kalt lassen“, sagt sie.

Ich bin in der DDR geboren. Ich kenne die Diskussionen zur Genüge. Alle. „Wer jammert, hat die Wende nicht verkraftet. Sollen doch froh sein, dass diese Lotterwirtschaft endlich vorbei ist. Müssen wohl erst mal richtig arbeiten lernen. Hochdeutsch sowieso.“

„[…] Die Ankunft ist auch deswegen erschwert, weil die Anerkennung fehlt“, sagt Naika Foroutan, Professorin für Integrationsforschung und Gesellschaftspolitik an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Das Thema ist durch? Ich glaube nicht. Ich hoffe, konstruktive Diskussionen beginnen erst. So lange in bundesdeutschen Personalfragebögen Hauptschule gleich Polytechnische Oberschule ist, so lange nicht wenige Studienabschlüsse weder anerkannt noch gleichgestellt werden und so lange für akademische Studienzulassungen „ein erster berufsqualifizierender Fachhochschul- oder Hochschulabschluss im Rahmen eines vierjährigen Studiums in der Bundesrepublik Deutschland (gleichwertig zu 240 ECTS)“ nachgewiesen werden muss, andererseits aber an staatsnahen DDR-Hochschulen erworbene Diplome kein Hindernis für eine bundesdeutsche Karriere sind, so lange aus dem Westen importierte Beamte Behördenbescheide mit einem „Ihr Anliegen kann nicht weiterverfolgt werden.“ ad acta legen – so lange werden sich Ostdeutsche als Migranten fühlen. Oder als Bewohner eines besetzten Landes. Und es gibt noch mehr Redebedarf. Nicht nur von scheinbar „Abgehängten“.

Ich wünsche den ehrenamtlich arbeitenden “Traumschüff”-Enthusiasten eine erfolgreiche Tournee und viele anregende Gespräche. Das mobile “Theater im Fluss” ist bis 8. September 2018 unterwegs. Die nächsten Stationen hier.

Foto: Susann Kerk

Erfolgreiche Uraufführung von „Treue Hände“ in Oranienburg.

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