Was die Pandemie mit Selbstständigen macht

Noch nie wurde ich so viel nach meinem Befinden gefragt wie in den letzten Wochen. Empathisches Interesse, besorgte Geste oder Verlegenheitsfloskel? Unerheblich. Es geht mir gut. Mit den derzeitigen Beschränkungen komme ich klar. Eine im Alltag akzeptierte Aussage, die unwissenschaftlich wäre: zu unkonkret, weder messbar noch für alle Zeiten reproduzierbar. Psycholog*innen der Professur für Arbeits- und Organisationspsychologie an der TU Dresden fragten Selbstständige während des Lockdowns im Frühjahr 2020, wie es ihnen geht. Ich berichtete darüber. Jetzt liegen die vollständigen Ergebnisse vor. Sie werfen viele Fragen auf.

Wie sich die Krise auf das Unternehmertum auswirkt

„Herausforderungen und Folgen der COVID-19-Pandemie für Solo-Selbstständige und KMU in Deutschland“ ist der jetzt erschienene erste Ergebnisbericht überschrieben. Die nichtrepräsentative Studie wurde in Kooperation mit dem Lehrstuhl für Entrepreneurship am King’s College London durchgeführt und ist Teil einer globalen Studie zu Resilienz und Wohlbefinden in 31 Ländern. Im Zeitraum 16. April bis 4. Mai 2020 wurden insgesamt 267 Unternehmer*innen bundesweit online befragt. 160 Personen (60 Prozent) waren in Sachsen ansässig. Von den 107 teilnehmenden Personen aus den anderen Bundesländern stammten 13 aus Berlin und acht aus Brandenburg – ich nenne sie hier beispielhaft für meinen Wirkungskreis. Solo-Selbstständige waren mit durchschnittlich 60 Prozent (je nach Stichprobe) häufiger vertreten als KMU. Erfragt wurden Auswirkungen, Reaktionen, Perspektiven sowie Stressoren und persönliche Auswirkungen.

Sachsen Bundesgebiet außer Sachsen
Existenz aufgrund Pandemie bedroht

68%

81%

Geschäftsbetrieb eingestellt

24%

21%

Auftragslage rückläufig

68%

75%

Änderung unternehmensbezogener Pläne

55%

65%

Soforthilfe Bund beantragt

63%

70%

Neue Geschäftsmöglichkeiten eröffnet

18%

14%

Unternehmen wird sich nach Krise erholen

76%

66%

Krise wird langfristig positive Folgen haben

29%

28%

Betrieb kann nur 1 – 3 Monate finanziell überleben

47%

60%

 

Abwarten und Tee trinken?

Erstaunlich finde ich die Informationen zu Unternehmensstrategien. So passten zwar mehr als die Hälfte der sächsischen Befragten zu unterschiedlichen Zeitpunkten ihre unternehmensbezogenen Pläne an die COVID-19-Pandemie an, 45 Prozent jedoch gar nicht. Bezogen auf das Bundesgebiet entwickelten 65 Prozent der Firmen alternative Pläne. KMU setzten sich den erhobenen Daten zufolge schneller mit den Auswirkungen der Krise auseinander als Solo-Selbstständige. 83 Prozent der Solo-Selbstständigen und 82 Prozent der KMU sahen keine neuen Geschäftsmöglichkeiten durch COVID-19.

Was Selbstständige besonders stresst

Alle Studienteilnehmer*innen wurden gefragt, was sie stresst und wie sich die Pandemie auf sie persönlich auswirkt. Ausgewählte potenzielle Stressquellen aus den erhobenen Daten stelle ich hier vereinfacht gegenüber. Dabei berücksichtige ich die Unterscheidung zwischen Solo-Selbstständigen und KMU nicht.

Bezogen auf die vorangegangenen 4 Wochen Sachsen Bundesgebiet außer Sachsen
Arbeit belastet emotional

40%

50%

Arbeit kognitiv belastet (Präzision, Konzentration)

77%

79%

Hohes/sehr hohes Wohlbefinden bei der Arbeit

78%

69%

Starkes Stresserleben

19%

25%

Kinderbetreuung zu Hause

39%

38%

Kindernotbetreuung

1%

2%

 

Die Forscher*innen unter Studienleitung von Dr. Dominika Wach stellten fest, dass alle Befragten von erheblichen Auftragsrückgängen und Umsatzeinbrüchen betroffen sind. Diese gefährden die finanzielle Aufrechterhaltung ihrer Firmen. Dass die meisten Unternehmerinnen trotz der mit der COVID-19-Pandemie verbundenen Unsicherheiten zufrieden bei der Arbeit und mit ihrem Leben sind, deckt sich mit bisherigen wissenschaftlichen Erkenntnissen.

Wie geht es weiter?

Ein bis drei Monate finanzielle Überlebenszeit schätzten Befragte vor einem halben Jahr. Wie geht es ihnen heute wirtschaftlich, gesundheitlich und persönlich? Das interessiert auch die Wissenschaftler*innen. Sie regen Folgeuntersuchungen an, die sich mit Langzeitauswirkungen der Pandemie auf das Unternehmertum beschäftigen. Spannend könnten auch Aspekte sein, die bisher nicht berücksichtigt werden konnten: Alter der Firmen, Erfahrungen der Unternehmer*innen oder Einfluss der Branchen.

Krisensichere Ansätze gefragt

Weil staatliche Unterstützung allenfalls nur kurzfristig helfen kann, sind zukunftsorientierte Ideen gefragt. Unternehmer*innen sehen unter anderem Chancen im Ausbau des Online-Handels, vernetzter Kommunikation oder digitalem Marketing. Die vorgestellte Studie kann – das betonen die Autor*innen – nur ein erster Schritt sein, „um die tatsächlichen Auswirkungen der COVID-19-Pandemie auf deutsche Unternehmer*innen und ihre Unternehmen zu verstehen.“ Eine Folgeuntersuchung soll in Kürze starten.

Nebenerwerbsbetriebe nehmen zu

Übrigens wurden zwischen Januar und September 2020 5,5 Prozent mehr Nebenerwerbsbetriebe gegründet als im Vorjahreszeitraum. Berücksichtigt sind laut Definition nur gewerblich tätige Firmen. Bundesweit 216.900 solcher Nebenerwerbsunternehmen gibt es laut destatis aktuell. Ein Trend, der nicht länger belächelt werden sollte, insbesondere weil im genannten Zeitraum knapp ein Fünftel weniger Kleinunternehmen gegründet wurden.

Fotos: Dagmar Möbius

Auf den Bedarf reagiert? Drei Einweg-Gesichtsmasken für fünf Euro aus dem Zigarettenautomaten. Gesehen im September in Halle/Saale.

 

 

Update vom 03.12.2020:

Die Firma Wolf Tabakwaren gehörte zu den Unternehmen, die schnell auf die Pandemie reagierte. Geschäftsführer Menas Wolf antwortete mir, wie es dazu kam:

„Wir sind ein mittelständisches Familienunternehmen mit 125-jähriger Geschichte. Unser Hauptsitz ist in Gerolzhofen, Unterfranken und wir haben zwei Niederlassungen in Thüringen und Sachsen. Wir betreuen Automaten im gesamten Mitteldeutschland sowie des nördlichen Teils von Süddeutschland. 

Seit März 2020 verkaufen wir Masken am Automaten. Die Idee ist entstanden, da zu dieser Zeit über eine Maskenpflicht diskutiert wurde und die Distribution also die Verteilung an die Bürger unklar / schwierig war. In Deutschland gibt es aber ca. 300.000 Zigarettenautomaten, somit ist mit keinem Verkaufskanal eine bessere Distribution zu erreichen. 

Nach anfänglichen Schwierigkeiten bei der Beschaffung der Einmalmasken haben wir über 1.000 Automaten mit Masken ausgestattet. Leider ist der Erfolg nicht wie erhofft eingetreten. Die Abverkäufe verliefen schleppend. Wir sehen die Gründe darin, dass viele Bürger sich eben keine Einmalmasken, sondern Mehrwegmasken kaufen und dass der Zigarettenautomat für Nichtraucher nicht als interessanter Verkaufspunkt wahrgenommen wird.“

Was einige Selbstständige in Berlin unternehmen, in deren Branchen momentan nicht gearbeitet werden darf – wie meine langjährige Netzwerkmitstreiterin Nicole-Kristina David-Ulbrich bei der Stadtmission – , hat die Berliner Zeitung kürzlich berichtet.

 

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