Unbekannte Schwester Ella

Beruflich spüre ich ständig Neues auf. Jüngst erstaunte mich ein mir bisher unbekannter Fakt aus meiner Familie. Nicht, dass ich schon alles über meine Urahnen wüsste. Dazu verzweigen sich die Konstellationen zu sehr. Zudem: Jahrzehntelanges Schweigen über Aspekte vergangener Epochen sind keine Besonderheit meiner Vorfahren. Sich damit zu beschäftigen braucht Zeit, viel Zeit und in der Regel einen Anlass.

„Eine richtige Schwester!“

Beides war nicht gegeben, als im Rahmen einer Buchrecherche, die mich schon einige Jahre beschäftigt, plötzlich Schwester Ella auftauchte. Ich hatte nicht nach ihr gesucht. Trotzdem war sie da. „Das gibt’s doch nicht!“, entfuhr es mir. Doch! Schwester Ella war Diakonisse. Eine „richtige Schwester“!

Was soll daran besonders sein? Niemand vor mir in der Familie ergriff jemals einen medizinischen Beruf. Auch wenn meine Erstberufswahl ursprünglich anders ausfiel und das Leben scheinbar die Richtung lenkte, fühlte ich mich doch lange Jahre ins Gesundheitswesen berufen. In gewisser Weise ist das heute noch so.

In einer meiner Zusatzausbildungen las ich über bewusste und unbewusste Motive der Berufswahl. Es war ein psychoanalytisches Werk, teilweise viel zu schwere Kost für mich. Was hängenblieb: Zufall ist es meist nicht, was uns eine Branche auswählen lässt. Und ja, auch mit dem viel zitierten „Helfersyndrom“ habe ich mich nicht nur in der integrierten Selbsterfahrung auseinandergesetzt.

Faszinierende Zufälle

Schon damals faszinierten mich scheinbare Zufälle in Familien wie gleiche Geburtstage oder Todestage von Eltern, Kindern, Großeltern oder Geschwistern, Phänomen wie ältere Frauen bei allen Paaren einer Familie, unerklärliche Gefühle wie wenn eine Person spürt, dass bei einer anderen, entfernten Person, etwas nicht in Ordnung ist, ähnliche Berufswege, ohne davon zu wissen. Wissenschaftlich gibt es dazu mehr Fragezeichen als Antworten.

1905 im Kreis Radeberg geboren, „in einem großen Geschwisterkreis“ aufgewachsen und von Eltern erzogen, „die ihre Kinder in Zucht und Gottesfurcht erzogen“, erhielt Ella durch eine ihrer verheirateten Schwestern einen Arbeitsplatz in München. 1928 folgte sie „im Gehorsam dem Ruf des Herrn“, trat in das Gemeinschafts-Diakonissen-Mutterhaus Hensoltshöhe in Gunzenhausen ein und wurde zur Diakonisse ausgebildet. Es folgten Ausbildungen als Krankenschwester und Masseurin. Die Examina legte sie im Evangelischen Krankenhaus Oberhausen ab.

2x von Radeberg bzw. Dresden nach Oberhausen

Oberhausen. Hier verbrachte ich vor vielen Jahren eine kurze Einarbeitungszeit in einem Klinikverbund – und übernachtete bei Diakonissen auf einer nicht mehr betriebenen Station im Krankenhaus. Mit einer betagten Schwester, deren Namen ich leider vergessen habe, sprach ich täglich. Ich bewunderte ihren Elan, sich noch im hohen Alter um das Wohl anderer zu kümmern. Warum ich mich trotz widriger Umstände dort aufgehoben fühlte, hatte auch damit zu tun. Als Atheistin kam ich nie auf die Idee, familiäre Verbindungen zu einer Diakonisse zu haben.

Und doch ist es so. Schwester Ella war 31 Jahre lang Stationsschwester im Evangelischen Krankenhaus Oberhausen, „und zwar vorwiegend in der Chirurgie. Mit Umsicht und Geschick leitete sie die große Männerstation. Vielen jungen Schwestern und Pflegern half sie, die ersten Schritte in der Krankenpflege zu tun. Es war ihr ein dringendes Anliegen, den Männern, die oft nach Unfällen nur kurze Zeit auf Station lagen, die wesentliche Hilfe durch Gottes Wort nicht vorzuenthalten.” Erst mit 75 Jahren kehrte sie ins Mutterhaus zurück, half aber gerne noch auf der Pflegeabteilung aus. 1991 starb sie 86-jährig nach nur wenigen Krankheitstagen. Begraben ist sie auf dem Schwesternfriedhof Büchelberg.

Woher ich das weiß? Aus einem nicht öffentlich zugänglichen, liebevollen Nachruf des Gemeinschafts-Diakonissen-Mutterhauses Hensolthöhe.

Warum teile ich dieses unverhofft erlangte Wissen?

Ich freue mich über diese Entdeckung.

Sie beweist, dass es gut und gesund ist, seiner Berufung zu folgen.

Sie zeigt auch, dass man bis weit über die reguläre Altersgrenze arbeiten kann, wenn man fit ist und Freude am sinnvollen Tun hat.

Sie zeigt mir berufliche und sonstige Parallelen, über deren Zufälligkeit sich trefflich diskutieren ließe.

Schwester Ella wird in dem geplanten Buch keine Rolle spielen, soll aber dennoch gewürdigt werden. Sie steht stellvertretend für alle unbekannten Diakonissen und dem Leben selbstlos dienenden Menschen, über die man – wie ich finde – nur selten liest.

Und weil ich überzeugt davon bin, dass sich aus Überlieferungen christlich motivierter Fachkräfte einiges lernen lässt, was das heutige Gesundheitssystem menschlicher gestalten könnte.

 

 

 

 

 

 

Diakonisse Ella K. (1905 -1991), Foto: privat

Ein Gedanke zu „Unbekannte Schwester Ella

  1. Sehr schön, liebe Dagmar, dem kann ich nur beipflichten, da ich ja auch viel Ahnenforschung betreibe. Es ist Herausforderung, Spannung und es finden sich Parallelen. Ich finde es wunderbar, dass du Ella’s Wirken damit würdigst. Ich habe gerade ein Buch gelesen, in dem eine Ella die Protagonistin ist. So schließen sich die Kreise, das haben wir schon so oft festgestellt. Danke dir und herzliche Grüße Maren

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